Ich schreibe seit fünfzehn Jahren über Wein. Hier ist, was ich wirklich gelernt habe.
Eine Frau auf einem griechischen Markt verkauft Wein in alten Plastikflaschen. „White, red and dark", sagt sie. Fünf Euro das Stück. Wir kaufen alle drei aus purer Neugierde. Abends öffnen wir die erste Flasche. Goldgelb fließt der Wein ins Glas. Wir probieren, schauen uns an. „Schmeckt!", sagen wir erstaunt.
Fünf Euro. Plastikflasche. Kein Etikett. Und der Wein war besser als manche Flasche für fünfzig, die ich in fünfzehn Jahren Weinjournalismus getrunken habe.
Wie ich in die Weinwelt gestolpert bin
Ich habe über Politik geschrieben. Den Nahen und Mittleren Osten. Jahre damit verbracht, Konflikte zu erklären, die sich nicht erklären lassen. Irgendwann war ich das leid. Ich wechselte das Thema – und landete beim Essen, beim Wein. Süddeutsche Zeitung, Vinum, Feinschmecker. Ich habe für den Vinum Weinguide verkostet, für den Gault&Millau, habe Weingüter beraten. Das klingt nach Karriere, aber es war eher ein Stolpern von einer Verkostung zur nächsten, bei dem ich irgendwann gemerkt habe: Ich kann das. Ich kann schmecken, was andere beschreiben. Und ich kann beschreiben, was andere schmecken.
Fünfzehn Jahre später weiß ich: Wein ist nicht kompliziert. Die Weinwelt macht ihn kompliziert. Das ist ein Unterschied.
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, passt in vier Sätze. Danach kommt der Rest.
Was ich in fünfzehn Jahren Weinjournalismus gelernt habe
1. Guter Wein hat nichts mit dem Preis zu tun
Die Frau auf dem griechischen Markt hat das bewiesen. Und umgekehrt: Ich habe genug teure Flaschen getrunken, die nach nichts schmeckten außer nach dem Geld, das jemand in neue Barrique-Fässer gesteckt hat.
Preis ist kein Qualitätsmerkmal. Preis ist Marketing, Etikett, Herkunftsrenommee. Eine Flasche Burgundy kostet nicht deshalb zweihundert Euro, weil sie zweihundert Euro wert ist – sondern weil der Name Pinot Noir aus der Côte d'Or eine Geschichte trägt, die Jahrzehnte alt ist. Das kann großartig sein. Muss es aber nicht.
Für den Alltag gilt: Zwischen acht und fünfzehn Euro findet sich fast alles, was man braucht. Darüber kauft man meistens Namen, nicht Wein.
2. Terroir ist kein Marketingwort
Es schmeckt tatsächlich, wo ein Wein herkommt. Ein Riesling von der Mosel schmeckt anders als einer aus der Pfalz – mineralischer, kühler, mit dieser Spannung, die man als Schiefergeschmack bezeichnet. Beide anders als ein Riesling aus dem Elsass, der mehr Körper hat, mehr Frucht, manchmal fast ölig.
Das ist kein Mythos. Das ist Geologie, Klima, Hanglage, Mikroklima – alles zusammen ergibt einen Charakter, den du im Glas schmeckst. Du brauchst kein Französisch dafür. Du musst nur zwei Gläser nebeneinander stellen und probieren. Dann merkst du es.
3. Wein ist Handwerk, nicht Kunst
Wie Brot. Die besten Winzer machen wenig – aber das richtig. Sie lassen die Trauben reifen, pressen sie, warten. Guter Wein entsteht nicht durch Intervention, sondern durch Zurückhaltung.
Das erinnert mich an Frédéric Ménager in Burgund, bei dem wir zwei Wochen verbracht haben – auf dem Bauernhof, in der Küche. Er sagt: Nimm dein Ego raus. Das gilt für Kochen genauso wie für Wein. Wer zu sehr eingreift, zerstört, was die Natur bereits gebaut hat.
Das ist auch der Grund, warum ich Naturwein mag. Nicht weil er hip ist – sondern weil er ehrlich ist. Wenig oder kein Schwefel, keine Zusatzstoffe, minimale Eingriffe im Keller. Manchmal ist Naturwein schwierig, manchmal fehlerhaft. Aber wenn er stimmt, schmeckt er nach dem Ort, aus dem er kommt. Nach nichts anderem.
4. Dein Geschmack ist richtig. Immer.
Niemand darf dir sagen, dass der Wein, den du magst, schlecht ist. Parker-Punkte, Dekanter-Scores, selbsternannte Weinexperten, die dir erklären, dass dein Geschmack falsch ist – die können dir sagen, was sie schmecken. Aber nicht, was du schmecken sollst.
Das ist der einzige wirkliche Fehler, den man beim Wein machen kann: dem eigenen Gaumen nicht zu vertrauen. Alles andere – Temperatur, Glas, Dekantieren – ist Handwerk und lernbar. Aber der Ausgangspunkt muss immer sein: Was schmecke ich? Was gefällt mir?
Wie man Wein verkosten lernt – ohne Kurs und ohne Angst
Du brauchst kein Seminar. Du brauchst zwei Flaschen und Aufmerksamkeit.
Farbe: Schau den Wein an. Wie intensiv ist er? Heller Rotweint ist oft leichter, dunklerer schwerer. Bei Weißwein: Goldgelb deutet auf Reife oder Holzausbau hin, helles Grün-Gelb auf Frische und Säure.
Nase: Schwenk das Glas, dann riech rein. Nicht drüber, sondern rein. Was kommt dir? Frucht? Welche? Blumen? Erde? Holz? Leder? Es gibt kein falsch. Es gibt nur, was du riechst.
Gaumen: Ein kleiner Schluck, im Mund bewegen. Was schmeckst du zuerst? Was kommt nach? Wie lange bleibt der Geschmack? Ein Wein mit langem Abgang ist in der Regel komplexer als einer, der sofort wieder weg ist.
Vergleich: Das ist der beste Trick. Zwei Weine nebeneinander. Plötzlich merkst du Unterschiede, die du allein nicht bemerkt hättest.
Das war's. Kein Vokabular nötig, kein Studium. Nur Übung.
Champagner in Reims: Was sechs Euro pro Glas lehren
In Reims haben wir Champagner im Kiosk gekauft. Sechs Euro das Glas. In der Champagne trinkt jeder Champagner, zu jeder Gelegenheit – zum Abendessen, zum Fußball, einfach so. Keine Zeremonie, kein Anlass. Ein Getränk zum Leben, nicht für besondere Momente.
Das hat mich mehr gelehrt als jede Weinschule: Wein ist dann am besten, wenn man aufhört, ihn zu einem Ereignis zu machen.
Champagner am Nachmittag im Stehen, aus einem einfachen Glas, neben einem Kiosk – das war einer der besten Schlucke der ganzen Reise. Nicht wegen des Weins. Wegen des Moments.
Häufige Fragen zum Thema Wein
Wie finde ich einen guten Wein ohne viel Wissen?
Geh zu einem guten Weinhändler und sag ihm, was du ausgeben willst und was du magst. Nicht in eine Supermarktkette – in ein Fachgeschäft. Dann hör zu. Das ist der schnellste Weg.
Was bedeutet „trocken" beim Wein?
Trocken bedeutet, dass der Wein keinen oder kaum Restzucker enthält. Das hat nichts mit dem Gefühl im Mund zu tun, sondern mit dem Zuckergehalt. Ein trockener Rotwein kann trotzdem rund und weich schmecken – das kommt vom Alkohol und von reifen Tanninen.
Welcher Wein passt zu welchem Essen?
Die alte Regel „Weißwein zu Fisch, Rotwein zu Fleisch" ist ein guter Anfang, aber kein Gesetz. Wichtiger ist der Körper des Weins: ein leichter Rotwein wie Pinot Noir passt zu Lachs, ein kräftiger Weißwein wie Chardonnay zu gebratenem Hähnchen. Probiere. Manches überrascht.
Muss Wein atmen?
Junge, kräftige Rotweine profitieren davon. Ältere, zarte Weine eher nicht – die verlieren schnell ihr Aroma. Im Zweifel: Glas schütteln, probieren, entscheiden.
Was ist der Unterschied zwischen Weißwein und Roséwein?
Roséwein wird aus roten Trauben gemacht – aber der Traubensaft hat nur kurz Kontakt mit den Schalen, die die rote Farbe liefern. Je kürzer der Kontakt, desto heller der Rosé. Geschmacklich liegt er meist zwischen Weiß und Rot.
Wein, Brot, Leben
Das verbindet Wein und Brot: Beide sind uralt, beide sind handwerklich, und beide werden missverstanden, sobald man sie zu einem Statussymbol macht.
Ich schreibe regelmäßig über Wein – hier im Blog und in meinem Newsletter, immer dienstags und freitags. Nicht als Experte, der bewertet. Sondern als jemand, der trinkt, nachdenkt und erzählt.